Wirtz – Auf die Plätze, fertig, los – CD-Review

21179_grWirtz – Auf die Plätze, fertig, los – CD-Review

Die neue Wirtz-CD ist jetzt etwas mehr als einer Woche auf dem Markt. Zeit, einen genaueren Blick darauf zu werfen.

Das Artwork ist ungewohnt hell gehalten, ein stilisiertes Bild des Künstlers, inklusive Mütze, Tunnel im Ohr und Rauschebart. Kommt in der Hipster-Generation sicher gut an, ich finde es eher unterdurchschnittlich.

Aber hey, es kommt schließlich auf den Inhalt an! Und der titelgebende Opener „auf die Plätze, fertig, los“ verspricht einiges. Da wird locker flockig drauf los gerockt. Ein bisschen Selbstbeweihräucherung inklusive „Ich bin wieder da, es geht wieder los…Auf die Plätze, fertig los, das Material gewohnt grandios, mit Gütesiegel-Garantie“. So muss das! Funktioniert live als Konzert-Opener sicher auch sehr gut.

„Mantra“ ist ein für Wirtz-Verhältnisse extrem positiver, lebensbejahender Song. Das Motto „Was noch nicht gut ist, kann nicht zu Ende sein“ halte ich zwar für etwas gewagt, aber ich freu mich, dass Daniel sein Leben mittlerweile so positiv sieht. Musikalisch geht es etwas ruhiger zur Sache und im letzten Teil hätten ein, zwei Wiederholungen weniger dem Song gut getan. So zieht er sich leider nach gutem Beginn doch etwas zu sehr in die Länge.

„Regentropfen“ befasst sich mit der Thematik der Individualität in der großen Masse. Was für ein Tropfen willst Du sein? Einer, der Spuren hinterlässt, oder doch nur einer der vielen, die zischend auf dem heißen Stein verglühen? Ich mag diese Metapher. In den Strophen fehlt mir etwas Dreck in Daniels Stimme. Trotzdem ein interessanter Song.

In „Du fährst im Dunkeln“ geht es um einen Freund, der sich selbst in Drogen und Alkohol verliert und schließlich nicht mehr erreichbar ist. Sehr eindringlicher Song, der auch nach etlichen Durchläufen vor allem textlich nachschwingt. Die Instrumentierung rückt da eher in den Hintergrund.

„Aus Versehen“ ist…interessant. Im ersten Moment eine Abrechnung mit einer Ex nach einer gescheiterten Beziehung, wurde mir nach dem vierten, fünften Durchlauf klar, dass es durchaus auch um etwas anderes gehen könnte. Um eine Freundschaft, die dem Schreiber ehemals ziemlich viel bedeutet hat, bei der der Gegenpart aber übermäßig dominant war (denn Du weißt es zu verbergen, dass man auf dem Weg mit Dir verglüht“) und sich nach anfänglichem Interesse irgendwann nicht mehr genug gekümmert hat. (Dir hat all das nichts bedeutet, Du hast nur aufgehört so zu tun) Und gerade der letzte Satz „Ich hab’s versanden, Du bist und bleibst, der König in Deinem abgefuckten Königreich“ unterstreicht die Vermutung, dass es sich bei diesem Jemand nicht um eine Frau handelt. Ehm, ja, schon schade. Scheiße passiert. Oder sollte ich lieber sagen „Wenn Freunde nicht mehr sind, was sie mal waren, vergiss ihre Namen.“? 😉

„Wir“ ist der erste Song, mit dem ich nicht so richtig etwas anfangen kann. Der Abgesang auf eine Generation auf der Suche nach dem Sinn kommt leider sowohl textlich als auch musikalisch etwas einfallslos daher. Es bleibt wenig hängen, wenn der Song vorbei ist.

Ganz anders bei dem bittersüßen „Viel Glück“, ein melancholischer, aber doch irgendwo positiver Song über eine auseinandergehende Beziehung. Und abermals textlich absolut zitierenswert. So etwas wie „Geschichten sind da zu Ende, wo Erinnerung beginnt und aus vielen Punkten das große Ganze spinnt“ kann man kaum besser formulieren. Starker Song eines gereiften Künstlers.

„Freitag Abend“ ist irgendwie das wirtzsche Pendant zu „Heute trinken wir richtig“. Okay, vielleicht weniger plump formuliert, aber die Grundthematik „Wochenende…Spaß haben…saufen!“ bleibt die gleiche. Aber warum klingt das stimmlich so dünn und musikalisch so glatt gebügelt?“ Einzig bei der „Montagslandung“ musste ich schmunzeln, der Rest wirkt auf mich zu sehr nach Kniefall vor der aktuellen Popmusik. Schade.

„Ich weiß es nicht“ geht leider in eine ähnliche Richung. Ein Abgesang auf einen Filmriss nach einem Saufgelage, musikalisch irgendiwe ohne Biss und textlich für wirtzsche Verhältnisse zu platt formuliert. Nochmal schade.

„Wenn Du willst“ ist ein niedliches Liebeslied, bei dem es darum geht, was man(n) alles tun würde, wenn er wirklich verliebt ist. Textlich etwas oberflächlich, zaubert einem das Lied aber trotzdem ein Lächeln auf das Gesicht.

„Sehnsucht“ ist für mich das textliche Highlight des Albums. „Hab das Gefühl, dass irgendwo in mir eine Lücke klafft, als hätte etwas, das zu mir gehört, es nicht bis zu mir geschafft.“ Das ist vertonte Melancholie, die einen in einem schwachen Moment sicher absolut abholen kann. „Wie eine wohlbekannte Melodie, aus einem Lied, dass icht nicht kenn'“. Ich hoffe, das wird auf der Tour live präsentiert. Könnte sich irgendwo zwischen „Scherben“ und „Heute weiß ich“ wunderbar einreihen.

„Das nächste Mal“ geht textlich in die gleiche Richgung wie „Mantra“, kommt aber etwas melancholischer daher. Um besser werden zu können, muss es erst einmal schlecht gewesen sein. So endet das Album ruhig, aber positiv gestimmt.

Insgesamt ist „Auf die Plätze, fertig, los“ ein gutes Album. Nicht das beste Wirtz-Album, dazu sind die Texte teilweise etwas zu oberflächlich. Außerdem gibt es mit „Wir“, „Freitag Abend“ und „Ich weiß es nicht“ erstmals so etwas wie Füll-Songs. Musikalisch hätte er hier und da etwas mehr Gas geben können. Das klingt manchmal etwas nach angezogener Handbremse. Möchte da jemand radiotauglich klingen? Durch die Fernsehpräsenz bei „Sing meinen Song“ sind sicherlich viele Leute auf Daniel aufmerksam geworden, die noch nie vorher von „kleinen W.“ gehört haben. Ich würde ihm gönnen, jetzt mehr Aufmerksamkeit zu bekommen und auch finanziell mehr Erfolg zu haben. Solange das nicht zu Lasten der musikalischen Qualität geht wohlgemerkt. Ich brauche beim nächsten Wirtz-Album jetzt kein Duett mit Xavier Naidoo. Und er sollte nie vergessen, wo er her kommt, auf welcher Basis sein Erfolg zumindest teilweise erbaut wurde. Seine Vergangenheit zu verleugnen kommt nicht gut, wenn man die Fahne der Authentizität vor sich her trägt.

Aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Wirtz ist immer noch wesentlich besser als ein Großteil der Konkurrenz im deuschsprachigen Rock-Bereich. Ich freu mich schon auf die Tour im Herbst, um zu sehen, wie die Songs des Albums live rüber kommen! Wir sehen uns am 06.09.2015 im Docks!

 

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