VARG – Guten Tag

VARG – Guten Tag

Diese Kategorie ist immer noch so schrecklich verwaist. Aber sollte die erste Rezi nicht gut überlegt sein? Ich habe bestimmt drei, vier angefangene Texte zu verschiedenen Alben vorliegen. Aber irgendwie…weiß nicht, bin ich da nie richtig weiter gekommen.

Vielleicht gebührt die erste Rezension dem Album, das mich in diesem Jahr vielleicht am meisten positiv überrascht hat, nämlich „Guten Tag“ von VARG.

Es gab Alben, die ich vielleicht sogar als besser bezeichnen würde (Sabaton, Der W.), aber von denen hatte ich nichts anderes erwartet. Ganz anders bei den Herren von VARG aus Coburg. Die habe ich bestimmt schon vier oder fünf mal live gesehen, ohne das Bedürfnis zu haben, mir eine Original-CD zuzulegen. Und dann kam das Video von „Guten Tag“. Holla, anders! Ganz anders! Statt live zwar ziemlich energiegeladenem, auf CD aber etwas eintönigen Pagan Metal, gibt es plötzlich rockigere, melodischere Töne. Manche haben es deutschen Hardcore genannt, für mich hat es einen Deutschrock-Anstrich, auch wenn dieser Begriff zur Zeit eher negativ geprägt ist. Und endlich haben VARG den Mitsing-Faktor noch einmal mehr nach oben gefahren. Yeah!

Das Album wurde also bis auf die vorab veröffentlichten Songs „Guten Tag“ und „Angriff“ ungehört gekauft, in der Limited Edition mit DVD. Wer nichts wagt, der nichts gewinnt. Schick sieht das Digipack aus, das rote Wolfslogo auf weißem Grund gibt bestimmt auch ein fettes T-Shirt-Motiv her. Die Texte sind alle im Booklet abgedruckt und trotz der verschiedenen Hintergrundgrafiken lesbar. Auf der DVD gibt es neben einer Doku einen kompletten Live-Auftritt vom Wolfszeit 2012.

Also ab in den Player mit der CD. Erster Durchgang…kurz durchatmen, das Revue passieren lassen, was man gerade gehört hat, kurz sacken lassen…und auf zum zweiten Durchgang. So ungefähr nach dem fünften Durchlauf war ich dann langsam der Meinung, dass mit „Guten Tag“ das für mich vielleicht inspirierendste Album 2012 vorliegt. Warum? Weil die Songs alle anders klingen, jeder ist eine kleiner Ausflug in eine andere musikalische Welt. Okay, es gibt mit Liedern wie „Gedanke & Erinnerung“ oder dem mächtigen „Angriff“ auch Songs, die auch alten Pagan-VARG-Anhängern gefallen dürften. Und mit „Horizont“ und dem fiesen „Apokalypse“ sind auch einige Songs dabei, die live mit Sicherheit für ordentlich Nackenschmerzen sorgen dürften.

Aber dann gibt es sie halt auch, die Songs, die so ganz anders klingen. Das eher ruhige „Was nicht darf“, in dem es um Kindesmissbrauch durch einen Priester geht, hätte es wohl bisher auf kein VARG-Album geschafft. Oder wie wäre es mit einem englischen Song? In„A thousand Eyes“ist Jonne von Korpiklaani als Gastsänger mit dabei. Klingt interessant, aber irgendwie sind VARG auf deutsch doch unverwechselbarer. Als weiterer Gastmusiker ist Päde von Eluveitie bei „Wieder mal verloren“ dabei. Durch den Dudelsack-Einsatz bekommt der Song nochmal eine ganz andere Melodik. Sehr schön.

Philipp aka Freki wirkt ein wenig, als würde er seine Stimme und ihre Möglichkeiten erst nach und nach entdecken. Und ja, irgendwo zwischen Growlen und Schreien entdeckt er die ruhigeren Töne. Gerade die Songs, die auf diese laut-leise-Dynamik setzen, gefallen mir mit am besten. (Wieder mal verloren, Leben, Guten Tag) Das wirkt stimmlich manchmal zwar noch etwas holprig, aber da ist Entwicklung drin statt Stillstand. Vielleicht traut er sich auf dem nächsten Album sogar, in den ruhigeren Passage zu singen anstatt zu sprechen? Da ist sicher noch Luft nach oben, aber es klingt jetzt schon besser als alles, was gesanglich sonst aus dem Hause VARG zu hören war.

Und dann sind da ja noch die Texte, die man nach Jahre des Vor-sich-hin-Grunzens endlich zu 99 % versteht. Und ganz ehrlich, da geht jedem Onkelzfan das Herz auf. Kostprobe gefällig? „Die Tage ziehen so schnell vorbei – und keiner kommt zurück. Wenn Du es wirklich willst – nutz den Augenblick“. Ein wenig pathetisch, zugegeben, aber kurz, prägnant auf den Punkt…und wahr. Und mit „Anti“ ist sogar eine ziemlich gut gelungene Presse-Schelte mit an Bord.

Viele Kritiker schreien sowas wie „Onkelz-Abklatsch!“. Ist es das? Nein…und irgendwie doch. Aber kein bewusster Abklatsch. Das Album atmet einen Spirit, der mir sehr lange nicht mehr untergekommen ist. Aber nicht wie andere Bands durch Formelhaftigkeit á la „einfach Melodien + pathetische Texte + ein schlechter Sänger“, sondern durch Weiterentwicklung. Das ist etwas, das die Kritiker den Onkelz nie zugestanden haben, nämlich dass sie sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten immer weiterentwickelt haben.

„Guten Tag“ atmet den berühmten „Geist der Onkelz“, weil es Kreativität ausstrahlt und die Neugier, Neues auszuprobieren. Freki ist noch weit davon entfernt, ein zweiter Weidner zu sein, aber das muss er auch gar nicht, denn den gibt es ja schon. Es reicht, wenn er sich traut, im Rahmen seiner Möglichkeiten musikalisch neue Wege zu suchen, auch wenn er auf dem Weg vielleicht den ein oder anderen Fan verliert. Das ist es, was VARG trotz der musikalischen Unterschiede vielleicht näher in Richtung Onkelz drängt als so manche mittelmäßige italienische Deutschrock-Combo. Und eventuell ist „Guten Tag“ genau deswegen ein Album, das meiner Meinung nach nicht so schnell langweilig wird. Mal sehen, wo die Reise hin geht. Einen Mitreisenden haben sie mit „Guten Tag“ auf jeden Fall gewonnen.

4/6

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